Landstraßen-Roadtrip durch Brandenburg – unterwegs ohne festes Ziel

Manchmal ist die Straße selbst der Ausflug. Im Juni 2013 sind wir aus Berlin rausgefahren, ohne uns vorher auf ein Ziel festzulegen – einfach Richtung Land, dann immer die kleinere Straße nehmen. Herausgekommen ist ein Tag, an dem wir mehr Kilometer als Sehenswürdigkeiten gesammelt haben. Und trotzdem einer der Tage, an die wir uns gut erinnern.
Fahren als Programm
Brandenburg ist ein Land der Landstraßen. Sobald man den Berliner Ring hinter sich hat, wird das Straßennetz dünner, die Ortsschilder kommen seltener, und irgendwann fährt man minutenlang, ohne jemandem zu begegnen. Genau das war der Plan: raus, abbiegen, weiterfahren. Kein Museum, keine Öffnungszeiten, kein Zeitfenster für irgendeine Führung.
Was man dabei sieht, ist im Grunde immer dasselbe – und wird trotzdem nicht langweilig. Alleen, die sich über der Fahrbahn schließen und das Licht in Streifen auf den Asphalt legen. Felder, die bis zum Horizont gehen. Dazwischen ein Dorf mit Feldsteinkirche, Buswartehäuschen, einem Hof mit Traktor. Dann wieder Wald. Dann wieder Feld.
Das Tempo macht den Unterschied. Auf vielen dieser Straßen kommt man ohnehin nicht schnell voran: Alleebäume stehen dicht am Fahrbahnrand, die Fahrbahn ist schmal, stellenweise wird sie zu Kopfsteinpflaster, das das Auto ordentlich durchschüttelt. Wer es eilig hat, ärgert sich. Wer keinen Termin hat, fährt einfach langsamer und guckt.
Fotografieren aus dem Fenster
Wir haben an dem Tag viel fotografiert – damals noch mit Hipstamatic auf dem Handy, mit diesen quadratischen Bildern und den kräftigen Farben, die alles ein bisschen nach Achtzigerjahre-Urlaubsfoto aussehen lassen. Zu Brandenburger Landstraßen passt das erstaunlich gut. Der Himmel wird dramatischer, das Grün satter, und der leicht schiefe Bildausschnitt aus dem Beifahrerfenster stört überhaupt nicht.
Ein Hinweis, der sich von selbst versteht, aber trotzdem gesagt sein soll: fotografiert hat der Beifahrer. Auf Alleestraßen mit Bäumen im Abstand von wenigen Metern will man nicht nebenbei am Handy hantieren.
Wer solche Fahrten mag, wird auch an unserem Maiausflug ohne Ziel unter Brandenburger Wolken Gefallen finden – die gleiche Idee, anderes Licht. Und in Unterwegs durch Brandenburg haben wir noch mehr von diesen Zwischendurch-Eindrücken gesammelt.
Anfahrt
Eine Anfahrt im klassischen Sinn gibt es hier nicht – die Fahrt ist ja der Ausflug. Trotzdem ein paar praktische Richtungen ab Berlin:
Mit dem Auto: Am angenehmsten fährt es sich, wenn man die Autobahn früh verlässt. Richtung Nordosten über die B2 oder B158 in den Barnim und weiter in die Schorfheide; Richtung Osten über die B1 ins Oderbruch und die Märkische Schweiz; Richtung Nordwesten über die B96 ins Ruppiner Land; Richtung Süden über die B96 oder B101 in den Fläming. Danach gilt: bei jeder Gelegenheit die gelbe Nebenstraße nehmen. Die Landesstraßen mit dreistelliger Nummer sind fast immer die schöneren.
Mit Bahn und Rad: Ohne Auto funktioniert das Prinzip auch, nur langsamer. Regionalexpress bis in eine Kleinstadt am Rand – Eberswalde, Neuruppin, Beeskow, Jüterbog – und von dort mit dem Rad in die Fläche. Die Landstraßen selbst sind mit dem Rad allerdings nicht überall ein Vergnügen; besser die parallel verlaufenden Wirtschaftswege und ausgeschilderten Radrouten nutzen.
Beste Jahreszeit
Juni ist gut, und zwar wegen der langen Abende: Wer um 18 Uhr losfährt, hat noch drei Stunden Licht, und die letzte davon ist die schönste. Die Felder sind grün bis goldgelb, das Raps-Gelb ist gerade durch, die Alleen stehen voll im Laub.
Ebenfalls stark: der Spätsommer, wenn abgeerntet ist und die Landschaft weit und trocken wirkt, und der Oktober mit farbigem Laub in den Alleen. Im Winter ist so eine Tour eher ernüchternd – früh dunkel, viel Braun, und die Dörfer wirken verschlossen. Nach Regen und bei Nebel wird es dagegen wieder interessant, nur eben ruppiger.
Ein ehrlicher Hinweis zum Sommer: An heißen Wochenenden sind die Straßen zu den bekannten Badeseen voll, und an Ausflugszielen fehlt schon mittags jeder Parkplatz. Wer die leeren Straßen sucht, fährt lieber quer statt zu den Seen.
Kosten
Der Ausflug kostet Sprit und sonst nichts. Für einen Tag mit 150 bis 250 Kilometern sollte man je nach Auto grob 20 bis 40 Euro einplanen. Dazu kommt, was man unterwegs isst und trinkt – und das ist der Posten, den man nicht vergessen sollte, denn spontan einkehren funktioniert auf dem Land nicht überall gleich gut.
Parken ist in den Dörfern in der Regel kostenlos. In den Kleinstädten gibt es Parkscheiben-Zonen; eine Parkscheibe im Handschuhfach ist nie verkehrt.
Unsere Tipps
- Navi nur zur Orientierung, nicht zur Führung. Wer sich stur ansagen lässt, landet auf der schnellsten Strecke – also genau auf den Straßen, die man vermeiden will. Wir schauen lieber grob auf die Karte und entscheiden an Kreuzungen spontan.
- Vorher volltanken. Zwischen den Dörfern gibt es teils lange Strecken ohne Tankstelle, und was es gibt, hat sonntags oft zu.
- Kopfsteinpflaster einplanen. Es gibt sie noch, die alten Pflasterstraßen. Schön anzusehen, unangenehm zu fahren – Tempo raus, sonst wird die Fahrt zur Rüttelstrecke.
- Vorsicht auf Alleen. Schmale Fahrbahn, Bäume direkt an der Kante, dazu landwirtschaftlicher Verkehr und im Sommer Wild in den Dämmerungsstunden. Die Tempolimits sind hier nicht schikanös, sondern begründet.
- Ein Ziel als Notanker. Wir fahren zwar ohne Plan los, haben aber meist einen Ort in Reserve, falls das Wetter kippt oder der Hunger kommt – ein Kloster, ein See, eine Kleinstadt mit Café. Für die Märkische Schweiz zum Beispiel bietet sich Buckow an.
- Kamera griffbereit, aber am Beifahrersitz. Die besten Motive kommen ohne Vorwarnung. Und ein Halteplatz findet sich auf Landstraßen fast immer – Feldwegeinfahrten eignen sich, wenn man sie nicht zuparkt.
Häufige Fragen
Lohnt sich ein Ausflug, bei dem man nur herumfährt?
Wenn man Landschaft mag: ja. Man sieht in vier Stunden mehr von Brandenburg als bei einem Tag an einem einzigen Ausflugsziel. Wer dagegen ein Programm braucht, wird sich langweilen – dann lieber ein konkretes Ziel wählen und die Landstraßen als Anfahrt mitnehmen.
Wie lange sollte man einplanen?
Ein halber Tag reicht für eine Runde von 100 bis 150 Kilometern mit Pausen. Ein ganzer Tag ist entspannter, weil man dann auch mal aussteigen und ein Dorf ansehen kann, ohne auf die Uhr zu schauen.
Geht das auch ohne Auto?
Eingeschränkt. Mit Regionalbahn und Rad kommt man gut in die Fläche, ist aber deutlich langsamer und auf die Fahrpläne angewiesen. Die Erfahrung ist eine andere – näher dran, dafür weniger weit.
Wo isst man unterwegs?
Das ist der schwierige Teil. Auf dem Land haben Gaststätten oft nur an wenigen Tagen und zu festen Zeiten geöffnet, montags und dienstags ist häufig Ruhetag. Wir nehmen deshalb meistens etwas zu trinken und eine Kleinigkeit mit – und freuen uns, wenn sich unterwegs doch ein offenes Café findet.
