Alleen, Felder, Ortsdurchfahrten – eine Landstraßenfahrt durch Brandenburg

Es gibt Ausflüge, die haben ein Ziel, eine Öffnungszeit und einen Eintrittspreis. Und es gibt diesen hier: Auto, Tankfüllung, raus aus Berlin, an der ersten Abfahrt runter von der Bundesstraße und dann einfach immer weiter über Landstraßen. Wir haben das im Juni 2013 gemacht, und es war einer der entspanntesten Tage des ganzen Sommers.
Fahren als Programmpunkt
Das Prinzip ist schnell erklärt: Wir setzen uns ins Auto, wählen grob eine Himmelsrichtung und lassen dann die Straße entscheiden. Kein Navi-Ziel, keine Reservierung, keine Liste mit Sehenswürdigkeiten. Wenn eine Abzweigung interessanter aussieht als die Strecke, auf der wir gerade sind, biegen wir ab.
Was man dabei sieht, ist genau das, was Brandenburg ausmacht, wenn man nicht auf die Postkartenorte zusteuert: Alleen mit alten Bäumen, die sich über der Fahrbahn schließen. Getreidefelder, die im Juni noch grün sind und bei Wind komplett die Farbe wechseln. Dazwischen Kiefernstücke, ein Feldweg mit Trecker-Spuren, ein Solarfeld auf einer ehemaligen Konversionsfläche. Dörfer, durch die man in vierzig Sekunden durch ist – Ortsschild, Kirche, Bushaltestelle, Ortsschild durchgestrichen. Manchmal eine Gaststätte, die aussieht, als hätte sie zuletzt in den Neunzigern geöffnet.
Der Himmel macht die halbe Arbeit. Brandenburg ist flach genug, dass man ihn wirklich sieht, und im Juni tut sich da oben ständig etwas: Quellwolken, die im Laufe des Nachmittags immer höher werden, plötzlich ein grauer Streifen am Horizont, dann wieder gleißende Sonne auf der Fahrbahn. Wir haben viel vom Beifahrersitz aus fotografiert, durch die Scheibe, mit Spiegelungen drin – und genau die Bilder mögen wir im Nachhinein am liebsten.
Ehrlich gesagt: nicht für jeden
Wir wollen nichts schönreden. Ein Landstraßentag ist kein Erlebnis mit Höhepunkt. Es passiert wenig. Wer nach zwei Stunden fragt, was man jetzt eigentlich macht, wird auf dieser Fahrt keine gute Antwort bekommen. Dazu kommt: Ein Teil der Strecken ist schlicht langweilig, manche Ortsdurchfahrten sind vom Verkehr zerschnitten, und mancher Ort wirkt eher leergezogen als beschaulich. Auch das gehört zum Bild.
Andererseits: Genau diese Beiläufigkeit ist der Punkt. Kein Parkplatzsuchen, kein Kassenhäuschen, keine Uhrzeit, zu der man wieder los muss. Wir sind an dem Tag mehrfach einfach am Feldrand stehen geblieben, ausgestiegen und haben nichts weiter getan als geschaut. Wenn man das ein paar Mal wiederholt, ist der Nachmittag rum, und man ist überraschend erholt.
Wer das Prinzip mag, findet bei uns noch mehr davon – etwa unsere Runde entlang der Dorfkirchen an der Landstraße, die Fahrt vorbei an einem Windpark oder den Tag unter einer dichten Wolkendecke im Juni. Alle nach demselben Muster, alle mit anderem Ergebnis.
Anfahrt
Eine feste Adresse gibt es hier nicht – das ist Teil des Konzepts. Praktisch heißt das: Man verlässt Berlin über eine der Ausfallstraßen und biegt möglichst früh von der Bundesstraße ab.
Mit dem Auto: Bewährt haben sich bei uns die Richtungen Nordost (Richtung Barnim/Schorfheide, ab B2 oder B109), Ost (Richtung Oderland/Märkische Schweiz, ab B1 oder B158), Südost (Richtung Dahme-Seenland, ab B96/B179) und Nordwest (Richtung Ruppiner Seenland, ab B96 oder B273). Die Autobahn nimmt man nur, um schnell aus dem Umland herauszukommen – danach konsequent Landstraße. Tanken vor Fahrtbeginn, denn Tankstellen sind in dünn besiedelten Ecken selten und schließen früher, als man denkt.
Mit ÖPNV: Diese Art Ausflug funktioniert mit Bus und Bahn nicht. Wer kein Auto hat, kann das Prinzip mit dem Fahrrad nachbauen: Regionalexpress bis zu einem Endbahnhof, Rad raus, und dann ohne festen Plan über die kleinen Straßen. Langsamer, aber intensiver – und man riecht die Linden.
Beste Jahreszeit
Juni ist stark. Die Felder stehen hoch, aber sind noch grün, die Alleen sind voll belaubt, und es ist abends lange hell – man kann bis 21 Uhr fahren und hat immer noch Licht. Anfang Mai ist ähnlich gut, mit frischerem Grün und Rapsfeldern.
August und September funktionieren auch, sehen aber anders aus: abgeerntete Felder, Strohballen, mehr Staub, härteres Licht. Im Spätherbst und Winter kann eine Landstraßenfahrt sehr schön sein, wenn Nebel über den Feldern liegt – oder sehr trist, wenn es einfach nur grau ist. Das ist Glückssache. Vermeiden würden wir Tage mit Dauerregen: Dann sieht man durch die Scheibe wenig, und Aussteigen macht keinen Spaß.
Kosten
Der Ausflug kostet nichts außer Sprit. Wir waren an dem Tag rund 150 Kilometer unterwegs, das sind je nach Auto etwa 15 bis 20 Euro. Dazu kommt, was man unterwegs isst und trinkt. Wer an Dorfgaststätten oder Landbäckereien hält, zahlt spürbar weniger als im Berliner Umland – zweistellig wird es selten.
Ein Hinweis: In vielen kleinen Läden und Gaststätten wird nach wie vor bar bezahlt. Kleingeld dabeihaben.
Unsere Tipps
- Kein Navi-Ziel eingeben. Sobald ein Ziel drin ist, will man ankommen. Wir nutzen die Karte nur, um am Ende wieder nach Hause zu finden.
- Proviant mitnehmen. Wasser, Obst, etwas zu essen. Auf dem Land ist am Sonntag oder nach 18 Uhr oft alles zu, und die nächste Einkaufsmöglichkeit kann 20 Kilometer entfernt sein.
- Anhalten, wenn etwas auffällt. Feldweg, Kirche, Aussicht, Baumreihe. Die besten Momente sind die, für die man bremst. Dabei bitte ordentlich rechts ranfahren – Alleen sind eng und unübersichtlich.
- Vorsicht bei Alleen und Wildwechsel. Die alten Bäume stehen dicht an der Fahrbahn, die Straßen sind teils schmal und wellig. Und in der Dämmerung ist Wild ein echtes Thema. Lieber 20 km/h langsamer.
- Vom Beifahrersitz fotografieren. Durch die Scheibe, mit Bewegungsunschärfe. Klingt nach Notlösung, ergibt aber die ehrlichsten Bilder von so einem Tag.
Häufige Fragen
Lohnt sich so ein Ausflug ohne Ziel wirklich?
Wenn man Landschaft mag und keinen Programmpunkt braucht: ja. Wenn man einen Tag mit Höhepunkten will, eher nicht – dann ist ein konkretes Ziel wie ein See oder ein Kloster die bessere Wahl.
Wie lange sollte man einplanen?
Wir waren einen halben bis ganzen Tag unterwegs. Unter drei Stunden lohnt es kaum, weil man dann noch im Umland-Verkehr hängt. Fünf bis sechs Stunden inklusive Pausen sind ein guter Rahmen.
Geht das auch ohne Auto?
Mit dem Fahrrad ja, mit ÖPNV allein praktisch nicht. Die Buslinien auf dem Land fahren zu selten, um spontan die Richtung zu wechseln. Eine Kombination aus Regionalbahn und Rad ist die beste Alternative.
Was macht man, wenn das Wetter kippt?
Ein Gewitter im Juni ist auf der Landstraße unangenehm, aber selten lange. Wir haben in solchen Fällen einfach eine Dorfgaststätte oder eine Bushaltestelle als Unterstand angesteuert und gewartet. Danach ist das Licht meistens am besten.
