Wolkendecke über Brandenburg – eine Landstraßenfahrt im Juni

Es war Juni 2013 und der Himmel machte keine Anstalten aufzureißen. Eine geschlossene Wolkendecke von Horizont zu Horizont, dieses typische Brandenburger Grau, das nicht regnet und nicht aufklart, sondern einfach da ist. Wir sind trotzdem losgefahren – ohne Ziel, einfach auf die Landstraße.
Grau ist auch eine Farbe
Wer in Brandenburg unterwegs ist, kennt das: Das Land ist flach, der Himmel ist riesig, und deshalb ist das Wetter hier nie nur Kulisse. Es ist das Hauptmotiv. An diesem Junitag hing die Wolkendecke tief und gleichmäßig über den Feldern, ohne Struktur, ohne Lücke. Man sieht auf so einer Fahrt sehr weit und sehr wenig gleichzeitig.
Wir sind eine dieser Alleen entlanggefahren, die es in Brandenburg noch reichlich gibt – Baum, Baum, Baum, dann ein Feld, dann wieder Bäume. Kaum Gegenverkehr. Das Radio irgendwann aus. Solche Fahrten haben einen eigenen Rhythmus: Man hält nicht an, weil etwas Sehenswertes kommt, sondern weil man Lust hat anzuhalten. Ein Feldweg, ein Wendehammer, ein Stück Bankett – aussteigen, kurz stehen, gucken.
Ehrlich gesagt: Es gibt an so einem Tag nichts zu berichten, was in einen Reiseführer passt. Kein Schloss, kein See, kein Restaurant. Nur Landschaft, Wind und ein Himmel, der aussieht wie eine graue Zimmerdecke. Und trotzdem ist es einer der Ausflüge, an die wir uns erinnern – weil das Nichts hier eine eigene Qualität hat. Brandenburg bei bedecktem Himmel ist entschleunigt bis an die Grenze zur Langeweile, und genau das ist nach einer Woche Berlin manchmal exakt die richtige Dosis.
Wir haben das seitdem öfter gemacht. Wer mag, findet bei uns noch weitere solcher planlosen Fahrten: einen Landstraßen-Roadtrip durch Brandenburg und einen Maiausflug ohne Ziel unter Wolken. Das Prinzip ist immer dasselbe, das Ergebnis nie.
Was so eine Fahrt taugt
Die ehrliche Antwort: Es kommt darauf an, was man erwartet. Wer Sehenswürdigkeiten abhaken will, ist frustriert. Wer Kopf frei bekommen möchte, fährt richtig. Die Landstraßen zwischen den kleinen Orten sind meist leer, die Dörfer bestehen oft aus einer Kirche, einem Feuerwehrhaus und einer Bushaltestelle. Kaufhalle: vielleicht. Café: eher nicht. Am Sonntag schon gar nicht.
Deshalb ist so eine Tour eher etwas für den Nachmittag als für den ganzen Tag – oder man kombiniert sie mit einem festen Punkt am Ende. Bei uns ist das oft ein See oder eine Einkehr. Wenn man ohnehin Richtung Norden fährt, bietet sich zum Beispiel der Liepnitzsee als Ziel an, im Osten der Baa-See mit Waldschenke. Dann hat der Tag einen Ankerpunkt, und die Fahrt dorthin ist der eigentliche Ausflug.
Anfahrt
Einen festen Startpunkt gibt es bei so einer Tour nicht – das ist ja der Punkt. Praktisch funktioniert es aber so: Aus Berlin raus über eine der Ausfallstraßen, dann bei der ersten Gelegenheit von der Bundesstraße auf die Landstraße abbiegen und dem Gefühl nach weiterfahren.
Mit dem Auto: Bewährt haben sich für uns die Richtungen Nordost (B158 Richtung Werneuchen und weiter in den Barnim), Ost (B1/B5 Richtung Müncheberg und Oderbruch) und Südwest (B2 Richtung Beelitz und Fläming). Sobald man die Autobahnkreuze hinter sich hat, wird es schnell leer. Tanken sollte man in Berlin oder in einem größeren Ort – zwischen den Dörfern kann es lange dauern bis zur nächsten Zapfsäule.
Mit ÖPNV: Diese Art von Ausflug funktioniert mit Bus und Bahn nicht wirklich, dafür ist sie zu ungerichtet. Wer keinen Wagen hat, kann das Prinzip aber aufs Rad übertragen: Regionalbahn bis in einen kleineren Bahnhof (etwa Bernau, Fürstenwalde, Beelitz-Heilstätten oder Neustadt/Dosse), Rad ausladen, drauflosfahren. Das VBB-Ticket samt Fahrradkarte deckt fast ganz Brandenburg ab.
Beste Jahreszeit
Juni ist für so eine Fahrt gut: Die Felder stehen, die Alleen sind grün, und es wird spät dunkel – man kann also auch um 18 Uhr noch losfahren und hat drei Stunden Licht. Dass der Himmel zu ist, stört bei einer Autotour weniger als beim Baden.
Genauso gut funktioniert der Herbst, wenn das Licht flacher wird und die Alleen sich verfärben. Im Winter sind die Tage kurz und viele Landstraßen bei Nässe oder Frost unangenehm zu fahren – Kopfsteinpflaster und schmale Alleestrecken ohne Seitenstreifen sind da kein Vergnügen. Der Hochsommer bei Sonne ist landschaftlich schöner, aber dann fährt man ehrlicherweise lieber an einen See.
Ein Hinweis zu Brandenburger Wolken: Sie sehen oft dramatischer aus, als sie sind. Eine geschlossene Decke wie an unserem Junitag bleibt meist trocken. Gefährlicher sind die einzelnen Türme im Hochsommer – die entladen sich dann innerhalb von zwanzig Minuten.
Kosten
Eine Landstraßenfahrt kostet Sprit und sonst nichts. Für eine typische Halbtagesrunde ab Berlin rechnen wir mit 100 bis 150 Kilometern, also je nach Auto rund 10 bis 20 Euro. Dazu kommt, was man unterwegs isst oder trinkt – wobei man sich in vielen Dörfern darauf nicht verlassen kann. Wir nehmen inzwischen Wasser und etwas zu essen mit.
Wer mit der Bahn plus Rad startet: Tagesticket Berlin ABC plus Anschlussfahrschein bzw. das Brandenburg-Berlin-Ticket, dazu die Fahrradtageskarte.
Unsere Tipps
- Ziellos heißt nicht planlos. Setzt euch einen groben Radius (etwa 60 Kilometer ab Berlin) und eine Uhrzeit, ab der ihr umdreht. Sonst wird es länger, als man denkt.
- Navi aus, Karte an. Wir schauen vorher grob auf die Karte, welche Ecke wir noch nicht kennen, und lassen die Zielführung dann aus. Verfahren gehört dazu und ist selten ein Problem – irgendwann kommt eine Bundesstraße.
- Alleen ernst nehmen. Viele Landstraßen sind schmal, die Bäume stehen dicht am Fahrbahnrand, und der Belag ist stellenweise historisch. Tempo runter, besonders bei Nässe und in der Dämmerung, wenn Wild unterwegs ist.
- Verpflegung mitnehmen. Sonntags ist auf dem Dorf oft alles zu. Ein Thermobecher Kaffee und ein paar Brote retten den Nachmittag.
- Einen Ankerpunkt einplanen. Ein See, eine Waldschenke oder eine Kirche am Ende der Fahrt geben dem Tag Struktur, ohne den Reiz des Umherfahrens zu zerstören.
Häufige Fragen
Lohnt sich ein Ausflug nach Brandenburg auch bei bedecktem Himmel?
Für eine Autotour über Land: ja. Die Landschaft wirkt bei grauem Himmel ruhiger, es ist weniger los, und die Weite kommt anders zur Geltung als bei Sonne. Zum Baden oder für Fotos mit Postkartenqualität ist ein solcher Tag natürlich nichts.
Wie lange sollte man für so eine Fahrt einplanen?
Ein halber Tag reicht völlig. Drei bis vier Stunden ab Berlin, inklusive Pausen, ergeben eine gute Runde. Wer den ganzen Tag unterwegs sein will, sollte ein konkretes Ziel einbauen – reines Fahren wird nach ein paar Stunden auch monoton.
Geht das auch ohne Auto?
Nur eingeschränkt. Das Gefühl des ziellosen Umherfahrens lässt sich am besten mit dem Rad nachbauen: Regionalbahn in einen kleineren Ort, Rad mitnehmen, dort losfahren. Mit Bussen allein funktioniert es kaum, weil auf dem Land oft nur wenige Verbindungen pro Tag fahren.
Welche Gegend eignet sich für eine erste Landstraßentour?
Wir würden im Barnim nordöstlich von Berlin anfangen – dort wechseln sich Wald, Felder und kleine Seen auf kurzer Distanz ab, und man ist schnell aus der Stadt raus. Wer es leerer mag, fährt Richtung Oderbruch: viel Himmel, wenig Verkehr, gerade Straßen bis zum Horizont.
