Mit dem Auto ins Blaue – Landstraßenfahrt durch Brandenburg im Juni

Manchmal ist der Ausflug das Fahren selbst. An diesem Junitag 2013 sind wir aus Berlin rausgefahren, ohne uns vorher auf ein Ziel geeinigt zu haben – einfach raus, Landstraße, mal links, mal rechts abbiegen. Es hat sich gelohnt, aber nicht auf die Weise, die man in einem Reiseführer nachlesen kann.
Das Erlebnis: Fahren ohne Ziel
Wer Brandenburg nur von der Autobahn kennt, kennt Brandenburg nicht. Auf der A11 oder der A24 ist alles Kiefernwald in Bewegungsunschärfe. Auf der Landstraße wird daraus ein Land mit Details: Alleen, deren Kronen sich über der Fahrbahn schließen, Felder, die bis zum Horizont durchlaufen, Ortsdurchfahrten mit Kopfsteinpflaster, in denen man automatisch vom Gas geht – nicht wegen des Tempolimits, sondern weil das Auto sonst klappert.
Unser Tag bestand aus genau diesen Zutaten. Ein paar Kilometer Allee, dann ein Dorf mit Feldsteinkirche und einem Konsum, der keiner mehr ist. Danach wieder Feld. Ein Traktor, hinter dem man drei Kilometer herfährt, ohne dass es einen stört. Ein Storchennest auf einem Schornstein. Zwei, drei Mal haben wir angehalten, weil das Licht gerade gut war und weil man auf einer Brandenburger Landstraße im Juni tatsächlich einfach am Rand stehenbleiben kann, ohne jemanden zu behindern.
Das Ehrliche daran: Es passiert nichts. Es gibt keine Attraktion, kein Highlight, nichts, was man abhaken kann. Wenn man mit der Erwartung losfährt, etwas zu erleben, wird man enttäuscht. Wenn man mit der Erwartung losfährt, ein paar Stunden lang nicht viel zu tun zu haben, funktioniert es hervorragend. Wir sind irgendwann umgedreht, weil der Tag rum war, nicht weil wir angekommen wären.
Im Juni ist das Timing günstig: Der Raps ist durch, das Getreide steht noch grün bis goldgrün, die Linden blühen, und es ist bis halb zehn hell. Man kann also spät losfahren und trotzdem einen langen Nachmittag haben.
Ähnliche Tage haben wir mehrfach gehabt – etwa bei unserer Landstraßenfahrt zwischen Alleen und Feldern oder als wir uns auf die Dorfkirchen an der Landstraße konzentriert haben. Es wiederholt sich, und das ist der Punkt.
Wie man so eine Fahrt anlegt
Ein bisschen Struktur schadet trotzdem nicht. Uns hat sich bewährt, eine grobe Himmelsrichtung festzulegen und dann konsequent die kleinen Straßen zu nehmen – also alles, was auf der Karte gelb oder weiß ist, nicht rot. Landesstraßen (L) und Kreisstraßen (K) sind die eigentliche Beute. Bundesstraßen sind meist zu voll und zu schnell.
Brauchbare Suchräume ab Berlin, je nach Richtung:
- Nordosten – Barnim und Schorfheide, mit Alleen und viel Wald. Von hier ist es nicht weit zum Kloster Chorin, falls man doch ein Ziel möchte.
- Osten – Oderbruch, sehr flach, sehr weit, viele Kolonistendörfer in Reihe.
- Nordwesten – Ruppiner Land, Wald und Seen im Wechsel.
- Südwesten – Fläming und Beelitzer Umland, Obst- und Spargelanbau.
Anfahrt
Das ist bei diesem Ausflug die Sache selbst. Mit dem Auto geht es ab Berlin über einen der Autobahnzubringer raus – A11 Richtung Norden, A12 Richtung Osten, A24 Richtung Nordwesten, A9/A10 Richtung Südwesten. Unsere Empfehlung: Autobahn nur bis zur ersten oder zweiten Abfahrt hinter dem Berliner Ring nutzen und ab da auf die Landstraße wechseln. Alles andere verschenkt Zeit auf der falschen Straße.
Mit dem ÖPNV lässt sich diese Art von Ausflug nicht eins zu eins nachbauen, weil es ums Fahren geht. Wer kein Auto hat, kommt am nächsten dran, indem er mit dem Regionalexpress in eine Kleinstadt fährt – Eberswalde, Neuruppin, Fürstenwalde, Beelitz – und dort das Rad mitnimmt. Die Radwege verlaufen oft parallel zu genau den Alleen, um die es hier geht, und man sieht mehr als aus dem Auto. Nur weiter kommt man nicht.
Beste Jahreszeit
Juni ist stark: lange Tage, grüne Felder, warmes Abendlicht, und die Alleebäume stehen voll im Laub. September ist die zweite gute Wahl, dann sind die Felder abgeerntet und die Sicht in die Landschaft ist weiter, das Licht flacher.
April und Mai gehen auch, sind aber optisch kahler. Im Hochsommer bei 34 Grad ist ein Auto ohne Klimaanlage kein Vergnügen. Im November wird Brandenburg auf Landstraßen sehr grau und sehr eintönig – dann lieber ein festes Ziel ansteuern statt nur zu fahren. Und im Winter: Alleen ohne Laub, tiefstehende Sonne direkt in die Augen, frühe Dunkelheit. Kann schön sein, ist aber anstrengender.
Kosten
Ein Tag Landstraße kostet Sprit und sonst nichts. Wir waren an diesem Tag rund 150 Kilometer unterwegs, das ist eine überschaubare Tankfüllung. Dazu kommt, was man unterwegs isst und trinkt – ein Eis, ein Kaffee, vielleicht eine Einkehr im Dorfgasthof. Eintritt gibt es nirgends, weil es nichts gibt, wofür man Eintritt zahlen könnte. Genau das ist der Reiz.
Unsere Tipps
- Navi aus, Karte an. Eine Papierkarte oder die Offline-Karte ohne Zielführung ist besser als die Routenberechnung, weil man dann selbst entscheidet, wo es interessant aussieht.
- Vor der Abfahrt volltanken. Auf dem Land sind Tankstellen dünn gesät und schließen früher, als man denkt. Bargeld einstecken lohnt sich aus demselben Grund.
- Einkehr vorher checken. Dorfgaststätten haben oft nur an wenigen Tagen geöffnet, und sonntags nach 15 Uhr ist vielerorts Schluss mit warmer Küche. Wer sicher gehen will, plant ein festes Ziel ein – etwa eine Waldschenke oder ein Ausflugslokal am See.
- Kopfsteinpflaster respektieren. Viele Ortsdurchfahrten und Alleen haben noch historisches Pflaster. Langsam fahren, sonst ärgert man sich über das Fahrwerk.
- Alleen ernst nehmen. Die Bäume stehen dicht am Fahrbahnrand, es gibt keinen Seitenstreifen, und bei Gegenverkehr wird es eng. Tempo runter, besonders bei Nässe und bei Blendlicht am Abend.
- Wildwechsel ab Dämmerung. Rehe und Wildschweine sind in der Abenddämmerung unterwegs. Wer die letzte Stunde vor Sonnenuntergang noch mitnehmen will, sollte vorausschauend fahren.
Häufige Fragen
Braucht man für so einen Ausflug ein Ziel?
Nein – das ist die Idee. Es hilft aber, eine grobe Richtung und eine ungefähre Umkehrzeit festzulegen, damit man nicht um 21 Uhr noch 120 Kilometer von zu Hause entfernt ist.
Wie viele Kilometer sind sinnvoll?
Wir waren an diesem Tag bei rund 150 Kilometern hin und zurück, in etwa vier bis fünf Stunden reiner Fahrzeit inklusive Stopps. Alles darüber wird schnell zur Pflichtübung. Auf Landstraßen liegt der Schnitt bei 55 bis 65 km/h – das muss man einkalkulieren.
Geht das auch mit dem Fahrrad?
Ja, und für kürzere Distanzen ist es sogar besser. Mit Regionalzug plus Rad kommt man an dieselben Alleen und Dörfer, sieht mehr Details und hört die Landschaft. Der Radius schrumpft dann eben auf 30 bis 50 Kilometer.
Lohnt sich das auch bei bedecktem Himmel?
Durchaus. Brandenburgs Wolkenformationen über flachem Land sind ein Motiv für sich – wir haben genau das bei einem Maiausflug unter dichter Wolkendecke erlebt. Bei Dauerregen allerdings ist ein Museum oder eine Therme die bessere Wahl.
