Vom Beifahrersitz fotografiert – Brandenburg-Roadtrip im Juni

Es gibt Ausflüge, die haben ein Ziel. Und es gibt Ausflüge, bei denen das Ziel die Straße selbst ist. Dieser hier war von der zweiten Sorte: raus aus Berlin, irgendeine Landstraße, Fenster runter, Kamera auf dem Schoß. Juni 2013, gutes Licht, keine Termine.
Wir haben irgendwann festgestellt: Vom Beifahrersitz fotografiert es sich am besten. Wer fährt, sieht die Straße. Wer daneben sitzt, sieht alles andere – die Allee, die vorbeiziehenden Felder, den Wasserturm, der plötzlich am Horizont steht, und eben diese eine Brücke, die man aus dem Auto heraus schon von Weitem kommen sieht. Man hat genau zwei Sekunden. Manchmal wird das Bild etwas, meistens nicht. Aber die Trefferquote ist erstaunlich anständig, wenn man einfach weiterdrückt.
Fahren ohne Plan
Brandenburg ist für diese Art von Ausflug fast unfair gut geeignet. Sobald man den Berliner Ring hinter sich hat, wird es schnell leer. Landstraßen mit Kopfsteinpflaster-Resten, Alleen aus Linden oder Eichen, die im Juni ein grünes Dach bilden, dann wieder offene Feldflächen, in denen der Blick einfach nicht auf Widerstand stößt. Dazwischen: Dörfer, die man in zwanzig Sekunden durchquert hat, mit einem Konsum, der keiner mehr ist, und einer Kirche, die immer ein bisschen zu groß wirkt für die Häuser drumherum.
Unsere Route an diesem Tag war keine. Wir sind abgebogen, wenn eine Straße interessant aussah, und weitergefahren, wenn nicht. Kein Navi-Ziel, kein Ankunftszeitpunkt. Das klingt esoterischer, als es ist – praktisch bedeutet es vor allem: Man ist entspannter, wenn man sich nicht verfahren kann.
Die Brücke war so ein Moment. Ein Bauwerk über der Straße, Beton, unspektakulär, wenn man drunter durchfährt. Aus dem fahrenden Auto heraus, mit dem Juniglühen dahinter, wurde daraus trotzdem ein Bild, das wir behalten haben. Genau darin liegt für uns der Reiz dieser Fahrten: Es sind keine Sehenswürdigkeiten. Es sind Sekunden.
Wir machen solche Touren regelmäßig, meist ohne Aufhänger. Ähnlich gelagert war unser Landstraßen-Roadtrip durch Brandenburg, bei dem wir ebenfalls ohne festes Ziel losgefahren sind, und die Runde ohne Ziel unterwegs im Berliner Umland. Wer lieber etwas zum Anhalten hat: An den gleichen Straßen liegen erstaunlich viele Dorfkirchen, die sich als Zwischenstopps anbieten.
Was so eine Fahrt bringt
Ehrlich gesagt: nichts, was man abhaken könnte. Kein Eintritt, kein Museum, kein Foto vor einem Schloss. Wer aus so einem Tag Content oder Erholung im Sinne von „ich habe etwas erlebt” ziehen will, wird enttäuscht. Wer aber gern fährt, gern schaut und Musik im Auto mag, bekommt einen der günstigsten guten Tage, die Brandenburg zu bieten hat.
Es hat auch Nachteile. Man sitzt viel. Man verbraucht Sprit. Und man landet zwangsläufig irgendwann an einer Straße, die einfach nur öde ist – Maisfeld links, Maisfeld rechts, dreißig Kilometer lang. Dann hilft nur abbiegen.
Anfahrt
Das ist der einzige Ausflug in diesem Blog, bei dem die Anfahrt der Ausflug ist. Ein Auto braucht es also zwingend – mit Bahn und Bus funktioniert das Prinzip nicht.
Unsere Standard-Ausfallstraßen aus Berlin heraus: die B96 nach Norden Richtung Oranienburg, die B158 Richtung Bad Freienwalde, die B1/B5 nach Osten oder die B96a und B179 nach Südosten. Der Trick ist, die Bundesstraße nach spätestens dreißig Kilometern zu verlassen und auf die kleineren Landesstraßen zu wechseln. Dort wird es ruhig, kurvig und interessant. Autobahn lohnt für so einen Tag nur, wenn man erst einmal Strecke machen will, um in einer bestimmten Ecke zu starten – etwa über die A11 Richtung Barnim und Uckermark oder die A24 Richtung Ruppiner Seenland.
Tanken lieber vor der Fahrt oder in einer der größeren Orte unterwegs. In den kleinen Dörfern gibt es oft nichts, und der Tankstellen-Abstand ist größer, als man aus der Stadt gewohnt ist.
Beste Jahreszeit
Juni ist schwer zu schlagen. Die Alleen sind voll belaubt, die Felder noch grün bis goldgelb, und die Tage sind so lang, dass man um acht Uhr abends noch gutes Licht hat. Für Fotos aus dem Auto ist die Zeit ab dem späten Nachmittag am besten – tiefer stehende Sonne, weichere Schatten.
September funktioniert ähnlich gut, mit ruhigerem Licht und weniger Verkehr. Im Winter sind die Landstraßen deutlich reizärmer, dafür sieht man weiter, weil das Laub fehlt. Was wir nicht empfehlen: nasse Novembertage. Dann ist Brandenburg auf der Landstraße vor allem grau, und die Scheibe ist ständig beschlagen.
Kosten
Kostenlos, abgesehen vom Sprit. Für eine Halbtagestour mit 120 bis 180 Kilometern muss man je nach Auto mit etwa 20 bis 30 Euro rechnen. Dazu kommt, was man unterwegs an Eis, Kaffee oder Mittagessen ausgibt – und das ist auf dem Dorf meist deutlich günstiger als in Berlin. Eintritte fallen keine an, es sei denn, man biegt spontan zu einem Ziel ab.
Unsere Tipps
- Zu zweit fahren. Der Beifahrersitz ist der eigentliche Arbeitsplatz. Wer allein unterwegs ist, sollte anhalten statt aus der Fahrt heraus zu fotografieren – das ist auf schmalen Landstraßen ohnehin keine gute Idee.
- Scheibe putzen, bevor es losgeht. Klingt banal, rettet aber jedes zweite Bild. Insektenreste im Juni sind gnadenlos.
- Vorserien statt Einzelschuss. Aus dem fahrenden Auto trifft man den Moment fast nie beim ersten Versuch. Lieber fünf Bilder machen und später aussortieren.
- Ein grobes Rückkehrfenster setzen. Ohne Ziel loszufahren ist schön, aber die Rückfahrt aus dem Oderbruch oder der Uckermark dauert eben doch eineinhalb bis zwei Stunden.
- Einen Notfall-Stopp im Kopf haben. Falls die Gegend nichts hergibt, hilft ein Ziel in Reichweite. Bei uns ist das oft ein See oder ein Gasthaus – etwa die Waldschenke am Baa-See im Osten.
Häufige Fragen
Lohnt sich ein Roadtrip ohne Ziel überhaupt?
Wenn man gern fährt und schaut: ja. Wenn man am Ende des Tages etwas gesehen haben will, das im Reiseführer steht: eher nicht. Es ist ein Ausflug für Leute, denen der Weg genügt.
Wie lange sollte man einplanen?
Ein halber Tag reicht völlig. Vier bis fünf Stunden ab Berlin, inklusive ein, zwei Stopps, ergeben eine runde Runde. Wer den ganzen Tag fährt, sollte sich unterwegs eine echte Pause gönnen, sonst wird es zäh.
Geht das auch mit Bahn und Rad?
Das Prinzip „unterwegs sein ohne Ziel” schon, das Fotografieren aus dem Fenster naturgemäß nicht. Mit dem Rad ab einem Regionalbahnhof lässt sich die gleiche Landschaft langsamer, aber intensiver erfahren – dann allerdings mit deutlich kleinerem Radius.
Wann ist das Licht für Fotos am besten?
Später Nachmittag bis früher Abend, besonders zwischen Mai und September. Mittagslicht ist auf offenen Feldern hart und flach und macht die Bilder erstaunlich langweilig.
